Der Tag, an dem..

Revolution? und >klick< und es keimt die Hoffnung, die mit jedem >klick< im World Wide Web verbunden ist, die Hoffnung, es würde ein Blick hinter die Kulissen des Ange>klick<ten gewährt. Der Trick mit und hinter dem >klick< ist folgender: Die keimende Hoffnung bleibt nicht unerfüllt, stets wird sie befriedigt -, im Angesicht all der neu erscheinenden Buchstaben, der mit eigenem Finger er>klick<ten. Die Enttäuschung darüber, dass die Befriedigung eher dürftig ausfällt, wird sodann geflissentlich übergangen. Allzu gut reiht sich die Enttäuschung in das alltägliche Spiel von geweckten und in generöser Bescheidenheit achtelwegs erfüllten Bedürfnissen ein. Und wieder:

Revolution? Theoretisierungen, lang ausufernde Erläuterungen und verwegene Konstruktionspläne sind weder in dieser kleinen Ankündigung noch am Abend selbst vorgesehen. Als Ersatz dafür ein kleiner Assoziationszusammenhang zum Anfang von Buñuels Gespenst der Freiheit:

1974 wurde vermutlich das erste Mal öffentlich in einem Kinofilm - genauer gesagt: im Gespenst der Freiheit - gerufen: "Nieder mit der Freiheit!"
1808 soll bereits öffentlich, aber in keinem Kinofilm, sondern in Toledo ein ähnlicher Satz gefallen sein, Bunuel weist in seinen Lebenserinnerungen ausdrücklich auf diesen historischen Ursprung hin. Als die Franzosen unter Napoleon in Spanien einmarschierten, riefen einige der rebellischen Spanier "Es leben die Ketten!" und andere vermeintlich promonarchistische Parolen.
1834 entleiht sich Georg Büchner verschiedene Bücher aus der Großherzoglichen Hofbibliothek Darmstadt, die sich mit der Französischen Revolution befassen. Dabei stößt er möglicherweise auch auf diesen Ausspruch aus nachrevolutionärer Zeit.
1835 schickt Büchner an seinen Verleger das Drama Dantons Tod. Es endet mit Luciles erstaunlichem, vielsinnigen Ausruf:
"Lucile (sinnend und wie einen Entschluss fassend, plötzlich):
           Es lebe der König!
Bürger:
           Im Namen der Republik! (Sie wird von der Wache umringt und weggeführt.)"
1960 hält Paul Celan seine berühmte Büchnerpreisrede und erinnert darin an das unmögliche Vivat auf den König:
"Es ist das Gegenwort, es ist das Wort, das den 'Draht' zerreißt, das Wort, das sich nicht mehr vor den 'Eckstehern und Paradegäulen der Geschichte' bückt, es ist ein Akt der Freiheit. Es ist ein Schritt.
Gewiß, es hört sich - und das mag im Hinblick auf das, was ich jetzt, also heute davon zu sagen wage, kein Zufall sein -, es hört sich zunächst wie ein Bekenntnis zum 'ancien régime' an.
Aber hier wird - erlauben Sie einem auch mit den Schriften Peter Kropotkins und Gustav Landauers Aufgewachsenen, dies ausdrücklich hervorzuheben -, hier wird keiner Monarchie und keinem zu konservierenden Gestern gehuldigt. Gehuldigt wird hier der für die Gegenwart des Menschlichen zeugenden Majestät des Absurden."


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Last modified: Thu Sep 20 14:50:12 CEST 2001