Prozeß gegen Prügel-Schließer

Treffpunkt: Donnerstag, 10. Mai, 9.00h, Rathaus Norderstedt

"Rassistisches System richtet sich selbst"

Zum ersten Mal seit Bestehen des Abschiebeknastes Glasmoor steht am 10. Mai ein Schließer mit dem Vorwurf der Mißhandlung vor dem Norderstedter Amtsgericht. In den vergangenen Jahren waren immer wieder Prügeleien und Übergriffe der Glasmoor-Schließer bekanntgemacht worden, ohne dass Anstaltsleitung oder Justizbehörde je darauf reagiert hätten.

Wachmann H. soll nach derzeitigem Stand am 1. März 2000 ohne erkennbaren Anlaß den 30jährigen Algerier Emene K. schwer mißhandelt und ihm unter anderem das Jochbein gebrochen haben. Dabei dürften ihm bis zu fünf Kollegen zugesehen haben, brisanterweise wird auch der damalige Traktleiter Gebauer zu diesem illustren Kreis gezählt.

Wohl auch deshalb, und weil Mitglieder des Hamburger Flüchtlingsrats schnell an Informationen gelangten, reagierte die Justizbehörde in diesem Fall schnell: In einer Art Rundumschlag wechselte man nahezu die halbe Schließerschaft aus und entfernte schließlich auch Traktleiter Gebauer von seinem Posten. Die so freigewordenen "Arbeitsplätze" wurden mit weniger aggressiv auftretenden Wachleuten und einem neuen Leiter besetzt, der für ein deeskalierendes Knast-Konzept steht.

Am 10. Mai soll sich der mutmaßliche Prügel-Schließer H. nun vor dem Norderstedter Amtsgericht verantworten und sich zahlreichen Zeugenaussagen stellen. Dabei fiel in den letzten Tagen auch immer wieder der Name des ehemaligen Traktleiters Gebauer. Um diesem Verfahren eine größere Öffentlichkeit zu sichern, mobilisieren verschiedene antirassistische Gruppen und fordern zum Besuch des Prozesses auf.

Außerdem betonen insbesondere Hamburger Flüchtlingsrat und Glasmoorgruppe immer wieder, dass hier höchstens die Spitze des Eisbergs offengelegt wird und dabei eine Verurteilung noch nicht einmal sicher scheint. In einer Erklärung, die der Flüchtlingsrat im April 2000 und damit kurz nach Bekanntwerden der Mißhandlung vom März verbreitete, wurde von der antirassistischen Initiative exemplarisch der Fall eines Ghanaers zitiert, der hinter den Containerwänden der JVA Glasmoor ebenfalls schwer verletzt worden war. Am Tage der Vernehmung dieses Opfers von Schließer-Übergriffen sei der Betroffene jedoch abgeschoben worden, von Zufall kann wohl kaum die Rede sein.

Der Prozeß beginnt um 9:30 Uhr im Saal C des Norderstedter Amtsgerichts, nahe der U-Bahnstation Norderstedt-Mitte.


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Last modified: Wed Sep 20 09:39:05 CEST 2000