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Dienstag, 12. Juli 2011, 14:35 Uhr

Die dünne Decke der Kultur

Zwischen RAZZIA und TriBühne

Razzia-Auftritt in Hünxe (Bild: Screenshot youtube.de)

Razzia-Auftritt in Hünxe (Bild: Screenshot youtube.de)

Von Olaf Harning | Er war Sänger einer der bekanntesten deutschen Punk-Bands und ist Geschäftsführer des Norderstedter Veranstaltungszentrums TriBühne. Jetzt trat Rajas Thiele wieder mit RAZZIA (1,2) auf – und sang Lieder gegen Massenkultur und konservatives Spießertum. Ein Spagat zwischen Szene und Stadtverwaltung, für den der Musiker Erklärungen versucht.

Die „Kraft der Musik“, betont Rajas Thiele immer wieder, hat ihn nicht nur zu Gründerzeiten seiner Ex-Band beeindruckt, sondern ihn auch heute wieder in ihre Arme getrieben. „Punk hat Kraft“ sagt der Geschäftsführer des städtischen Veranstaltungszentrums und das klingt seltsam, wenn man weiß, dass er gerade die letzten Stehplatzkarten für das 5. Norderstedter Oktoberfest an Mann und Frau bringt – „Bayern-Band“ Die Wilderer und Wettjodeln inklusive. Thiele sieht diesen Widerspruch freilich auch – ein Widerspruch, der sich nicht in „Punk versus Symphonieorchester“ erschöpft, sondern sich vor allem aus dem inhaltlichen Schwerpunkt von RAZZIA ergibt. Immer wieder textete die nach den autonomen Prolls von SLIME wohl bekannteste deutsche Punkband gegen Kommerz, Massenkultur und Spießer und ließ dabei kaum Fragen offen. So schrie Sänger Thiele seinem Publikum in „Kranke Geister, Kranke Leiber“ bei Hunderten Auftritten entgegen:

  • Ihr verscheuert eure Zeit für Glasperlen und für Tand, Kitschfiguren und Hampelmänner von Blendern leicht genarrt, es lebe lang der Wegwerfmensch und stütze das System, das ihn auskotzt wenn er nicht mehr kann zur Arbeit gehen“ und im Refrain: „Fast jeder will was die Massen wollen - Die Massen wollen das man ihnen gibt. Das man ihnen gibt das sie sich fühlen - Wie man es will nicht wie sie sind“.
Logo des Kulturwerks am See

Logo des Kulturwerks am See

Damit, dass er mit Oktoberfest & Co heute selber Wünsche der „Massen“ erfüllt, kann Thiele leben, er hat auch kein Problem – wie er es sagt - „wenn Leute ein Theaterstück mit Marlene Jaschke sehen wollen“. Selbst das Norderstedter Stadtfest Spektakulum, das er über Jahre mit seiner früheren Event-Agentur Deltacom organisierte, habe seine guten Seiten gehabt, wenn dort etwa am Rande auch junge Bands auftreten konnten. Über Anspruch und Wirklichkeit hat der TriBühne-Chef, der nach der Landesgartenschau auch das für 7,5 Millionen Euro in ein Kalksandsteinwerk gebaute Kulturwerk am See leitet, klare Vorstellungen: „Man kann das natürlich“, so Thiele gegenüber dem Infoarchiv, „als Widerspruch sehen. Meine Einstellung war aber immer: Ich will Konsum nicht, kann aber daran auch nichts ändern, dass es ihn gibt“. Unverändert und unveränderbar stünden er und die Band zu anderen Positionen: Gegen Krieg, gegen Nazis etwa seien feste Bestandteile der Band-Texte wie auch der Auffassung ihrer Mitglieder.

RAZZIA-LP

RAZZIA-LP "Ausflug mit Franziska"

Glaubt man dem alten und neuen RAZZIA-Sänger, war also Spaß an der Musik auch 1979 die eigentliche Triebfeder für die Gründung der Band. Man wollte allerdings nicht „irgendwas“ spielen, sondern nach Möglichkeit auch Ideen vermitteln, Inhalte transportieren. Und genau das ist Andreas und Peter Siegler, Rajas Thiele, Sören Callsen und Frank Endlich (Erstbesetzung) von Beginn an gelungen: Neben Angriffen auf die Springer-Presse, Antifa-Songs, Kritik an Abschiebungen, Nationalismus und Krieg, textete man in feiner Regelmäßigkeit gegen das, was man unter anderem in zahlreichen Norderstedter Reihenhaussiedlungen vermuten darf: Spießbürgerlichen Mief. „Die dünne Decke der Kultur - Darunter das Erlebnis: Vorstadt pur“ singt Thiele etwa im gleichnamigen Song, während es in „Alle Träume sind bezahlt“ heißt: „Bald hab ich das Geld zusammen und wir bauen uns ein Haus. Nicht mal mehr über den Gartenzaun reicht für uns dann die Welt hinaus“. In „Arbeit macht frei“ hingegen thematisiert RAZZIA das Buckeln und Treten in der Arbeitswelt und fragt: „Wie fühlt man sich, wenn die Monotonie gesiegt, wie fühlt man sich, wenn man nach Hause kriecht?“ – freilich nur, um selber zu antworten: „Man fühlt sich frei von Gefühlen, Gedanken und Ideen, denn Arbeit macht frei, so frei!“.

Nun ist auch dieses Lied für ein Augenzwinkern gut, sieht man Rajas Thiele heute gelegentlich im Schlepptau von Oberbürgermeister Hans-Joachim Grote (CDU) durch den Plenarsaal schreiten, der „Gescholtene“ aber kontert: Angefangen habe er als verbeamteter Postbote – quasi ein Freiheits-Widerspruch schlechthin - dann alle fünf, sechs Jahre den Job gewechselt. Heute kann Thiele als Geschäftsführer verschiedener Kultureinrichtungen relativ frei entscheiden, wie er seinen Arbeitstag gestaltet – wenn auch nur so lange, wie die Zahlen stimmen. Und das tun sie offenbar: Nachdem Thiele-Vorgänger Rüdiger Flemer mit der TriBühne beinahe Schiffbruch erlitten hätte und jährlich bis zu 818.000 Euro städtische Zuschüsse „erwirtschaftete“, konnte der RAZZIA-Sänger den Verlust schon bis zum Jahr 2009 um mehr als 100.000 Euro senken. Erst kürzlich präsentierte er zudem mit Kulturamtsleiterin Gabriele Richter und TriBühne-Mitarbeiterin Sabine Junck erneut gestiegene Zuschauer- und Abozahlen im Theaterbereich: Um 170 Gäste steigerte sich der Zuspruch hier auf nun 7.576 Besucher/Jahr, während die Zahl der Abos auf ein Allzeithoch von 1.279 kletterte – 260 mehr, als noch vor fünf Jahren.

Und Alternativ-Musik? Schon in seiner Zeit als (Mit-)Betreiber der ehemaligen Künstlerkneipe „Kuckucksei“ musste Rajas Thiele feststellen, dass Punk in Norderstedt (fast) kein Publikum hat: Konzerte mit Blues-Größen wie Tom Shaka oder Abi Wallenstein funktionierten dort ebenso, wie verschiedene Ausstellungen - aber Punk floppte regelmäßig. Daran konnte sogar RAZZIA höchstselbst nichts ändern, die nach Gründung der Kneipe 1989 auch ein, zwei mal in dem geschichtsträchtigen Reetdachhaus an der Ulzburger Straße auftraten. Zwar machten die AktivistInnen des Sozialen Zentrums (SZ) einige Jahre später geringfügig bessere Erfahrungen und auch das meist illegal organisierte Schall&Rausch-Festival begeistert regelmäßig einige Hundert Alternative in Norderstedt, grundsätzlich hatte aber auch das Ende 2005 abgerissene Alternativ-Zentrum Probleme, einmal mehr als 30, 40 Leute zu Punk-Konzerten in sein Hinterhaus zu locken. Mit dem SZ übrigens hat Thiele nie Kontakt aufgenommen, auch nicht mit den Jugendlichen im ebenfalls abgerissenen Jugendkulturcafé Aurikelstieg oder ihrer späteren Konzert-Gruppe normu.net. Allerdings sei auch nie jemand auf ihn zugekommen, dabei stehe er solchen Gruppen grundsätzlich gerne mit Rat – und möglicherweise auch mal Tat – zur Verfügung.

Mag die Arbeit von Rajas Thiele heute also deutlich selbstbestimmter sein, als der Job eines verbeamteten Postboten, den „kulturellen Freiheiten“ eines TriBühne-Geschäftsführers sind aus verschiedenen Gründen Grenzen gesetzt. Vielleicht lag es ja genau an solchen Grenzen, dass sich RAZZIA, die es in verschiedenen Besetzungen ohnehin stets „weiter“ gegeben hatte, nach zweijähriger Diskussion am Ende für eine Art „befristete Reunion“ entschieden hat: Zumindest für einen Auftritt kam die Ur-Besetzung jetzt wieder zusammen und stand am 11. Juni im Rahmen des „Ruhrpott-Rodeo" auf der Bühne, ein „von unten“ organisiertes Punk-Festival in Hünxe/Nordrhein-Westfalen. Hatten hier noch 2010 Slime - offenbar beratungsresistent – „Polizei, SA, SS“ gegröhlt, traten 2011 neben RAZZIA unter anderem Misfits, Die Kassierer und der ehemalige Dead Kennedys-Sänger Jello Biafra auf, der wegen seiner Bürgermeister-Kandidatur 1979 in San Francisco (3,5%) wohl ewig unvergessen bleibt. Dass ausgerechnet dieser Musiker am Abend in Hünxe zu Thiele kam und ihm sagte, er hätte RAZZIA immer gerne gehört, hat beim TriBühne-Geschäftsführer bleibenden Eindruck hinterlassen – und wohl auch ein wenig Stolz. Und nicht nur das: Neben zahllosen Alt-Autonomen und in die Jahre gekommenen Punks drängten auch überraschend viele junge Leute vor die Bühne, als RAZZIA auftrat und – sangen die alten Texte mit, als hätten sie sie schon in der Hochzeit der Band vor 20 Jahren gehört. Vor allem das hat Thiele & Co in Hünxe beeindruckt – und ins Nachdenken gebracht. Zwar ist es wohl ausgeschlossen, dass RAZZIA wieder tourt oder als Ur-Besetzung zusammen bleibt - man erwägt aber, einige der alten Platten neu herauszubringen, um sie auch diesem jungen Publikum zur Verfügung zu stellen. Die gibt es heute nämlich fast nur noch bei ebay oder amazon, dort aber zu meist horrenden Preisen. Da die Rechte an den meisten Stücken bei der Band selbst liegen, könnten sie vergleichsweise günstig produziert und vertrieben werden. Zumindest solche Überlegungen klingen ein wenig nach den 80er Jahren und könnten mit dem Oktoberfest versöhnen. Das ist, könnte man meinen, ohnehin derart schräg, dass es schon fast wieder „Punk“ ist.

 

Ein Kommentar zu diesem Artikel

13.07.2011, 10:10 Uhr der nestscheissernoch passender:

geraduz prophetisch: Barriere/Karriere (1983) ... http://www.youtube.com/watch?v=1v2h4iP5UHU (4:30)