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Donnerstag, 24. Juli 2014, 23:09 Uhr

"Gefahr für Ehe und Familie"

Fundamentalisten auf den Barrikaden: Wie die Christliche Gemeinde Norderstedt gegen Gender Mainstreaming und Homosexuelle mobil macht

Broschüre und Veranstaltungsflyer zur Gender-Veranstaltung der CGN

"Gender - Eine neue Ideologie zerstört die Familie". Mit einer Broschüre der Rechtsaußen-Evangelikalen Gabriele Kuby wirbt die CGN für Bibeltreue und Wladimir Putin (Foto: Infoarchiv)

Olaf Harning | Sie wettern über die "Homo-Lobby", sehen eine Gefährdung der menschlichen Fortpflanzung und behaupten, die Betreuung von Kindern in Krippen richte irreparable Schäden an. Am 31. Juli veranstalten fundamentalistische Christen in Norderstedt einen Vortrag zum Thema "Gender Mainstreaming".

Logo der CGN an ihrem Gemeindehaus in der Falkenbergstraße.

Die Christliche Gemeinde Norderstedt: Schon seit gut 10 Jahren residiert sie im ehemaligen Postamt an der Falkenbergstraße in Norderstedt (Foto: Infoarchiv)

"Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie. Gott segnete sie, und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt Euch." Auf solche und ähnliche Bibelzitate beziehen sie sich, die Vordenker der Christlichen Gemeinde Norderstedt (CGN), wenn sie am morgigen Donnerstag über Gender Mainstreaming aufklären - davor warnen wollen. Als Teil der christlich-fundamentalistischen Pfingstbewegung, eine der am schnellsten wachsenden Religionsgemeinschaften der Welt, orientieren sie sich in großen Teilen am Wortlaut der Bibel und stehen in den meisten theologischen Fragen in der Tradition der evangelikalen Freikirchen.

Mit erstaunlichen Parallelen zu ultraorthodoxen Juden und islamistischen Strömungen, sind es auch bei evangelikalen Christen Themen, wie Schöpfungslehre, Homosexualität, die Stellung der Frau oder Sexualpädagogik, die für große Emotionen sorgen. Während gelebte Homosexualität hier wahlweise als "Krankheit" oder "Sünde" angesehen wird, hat die Frau - wir erinnern uns: Das Geschöpf aus Adams Rippe - bei den Radikal-Christen recht klar umrissene, soziale Aufgabenfelder: Kinder, Küche, Kirche. Wobei "Kinder" im Optimalfall die Erziehung bis zum Schulbesuch, bei Einigen sogar statt des Schulbesuchs meint. Den Besuch einer Krippe, also die außerhäusliche Betreuung von Kindern unter drei Jahren, lehnen die Evangelikalen rundweg ab, da dies zu "irreversiblen Bindungsschäden" führe. Und auch in den Kitas droht ihrer Meinung nach Gefahr, denn dort würden die Kinder durch "offizielle Erziehungsleitfäden (...) dazu ermuntert (...), sexuelle Handlungen an sich selbst oder anderen Kindern vorzunehmen."

Gender Mainstreaming

 

Die Idee des Gender Mainstreaming geht auf die Weltfrauenkonferenz 1985 in Nairobi zurück und wurde zehn Jahre später auf einer Folgekonferenz in Peking zu ihrer heutigen Bedeutung weiterentwickelt.

 

Nach einer Definition der Bundeszentrale für politische Bildung bedeutet Gender Mainstreaming, "dass die Politik, dass aber auch Organisationen und Institutionen jegliche Maßnahmen, die sie ergreifen möchten, hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die Gleichstellung von Frauen und von Männern untersuchen und bewerten, sowie gegebenenfalls Maßnahmen zur Gleichstellung ergreifen." Gender Mainstreaming ist also letztlich eine Strategie der nachhaltigen Umsetzung von Geschlechter-Gerechtigkeit.

 

Treibende Kraft für eine entsprechende Umsetzung ist inzwischen die EU, die Gender Mainstreaming 1997 im Amsterdamer Vertrag zum politischen Leitziel für alle Mitgliedsstaaten gemacht hat. In Deutschland sind die Ministerien seit dem Jahr 2000 angehalten, den Gender-Mainstreaming-Ansatz bei allen politischen, normgebenden und verwaltenden Maßnahmen der Bundesregierung zu berücksichtigen.

Wer so etwas sagt, ist beispielsweise Gabriele Kuby, eine evangelikale Publizistin, mit deren Broschüre "Gender - Eine neue Ideologie zerstört die Familie" die Norderstedter CGN für ihre Veranstaltung wirbt. Darin greift sie den Gedanken des Gender Mainstreaming frontal an, der eigentlich "nur" die umfassende Gleichberechtigung der Geschlechter beinhaltet (siehe Kasten links), in ihrer Weltsicht aber ein Trojanisches Pferd der "Homo-Lobby" ist. Hintergrund: Die soziologische Forschung hat in den letzten Jahrzehnten einen Großteil der vermeintlichen Unterschiede zwischen Mann und Frau widerlegt und führt sie heute vor allem auf gesellschaftliche Einflüsse zurück. Dem biologischen wurde dabei ein "soziales" - soll heißen: anerzogenes Geschlecht hinzugefügt: Gender.

Weil das die klassische Mann-Frau-Sicht schwächt und Homosexualität als eine von mehreren völlig normalen Lebensweisen erscheinen lässt, stehen Kuby die Haare zu Berge: "Familie beruht auf der treuen Verbindung von Mann und Frau in der Ehe", sagt sie, "welche Kindern das Leben schenken und sie nach Kräften zu gesunden und leistungsfähigen Individuen erziehen." Und weiter: "Heterosexualität ist eine Bedingung der Existenz des Menschengeschlechts. Homosexualität  trennt die Sexualität von der Fruchtbarkeit  und spaltet die Geschlechter und die Generationen." Freilich ignorieren Kuby und ihr illustres Publikum mit solchen Feststellungen bewusst, dass Homosexualität nicht nur seit Menschengedenken existiert und für alle Epochen belegbar ist, ohne erkennbare, gesellschaftliche "Schäden" oder ein Ende der Spezies Mensch verursacht zu haben. Auch im Tierreich ist gleichgeschlechtliche Liebe weit verbreitet, also unter "Gottesgeschöpfen", die weit weg von verderblichen Einflüssen, Gender Mainstreaming oder vermeintlicher Unmoral sind.

Dafür schlägt Kuby strategische Brücken, die für sich sprechen: "In Russland", schreibt sie begeistert, "beschloss das Parlament einstimmig, dass in den Schulen keine familienfeindlichen Propaganda stattfinden darf". Und feiert damit die krankhafte Homosexuellen-Hatz des "lupenreinen Demokraten" Wladimir Putin. Und auch die totalitären Bestrebungen des ungarischen Nationalisten Viktor Orbán werden gelobt, denn schließlich hat der seinem Land als Ministerpräsident eine christliche Verfassung gebracht, "welche die Ehe als Verbindung von Mann und Frau definiert und das Leben von der Zeugung bis zum natürlichen Tod schützt."

Interessante Links:

 

Vor allem nach ihrer grotesken Harry-Potter-Kritik ("Die Menschenwelt wird erniedrigt, die Welt der Hexen und Zauberer glorifiziert") und der Gender-Benennung "sexueller Totalitarismus" ist Kuby inzwischen eine Art "Ronald Schill der Evangelikalen" geworden, die mit ihren Texten und Reden den Nerv ihrer lange überzeugten Anhänger trifft. Gleichzeitig wirkt sie als Bindeglied zwischen religiösen und politischen Rechten: So schrieb sie für die Postille "Junge Freiheit", wird vereinzelt gar von Neonazis der NPD zitiert - etwa von deren ehemaligen Landesvorsitzenden in Mecklenburg-Vorpommern, Stefan Köster, der sie in einer Rede vor dem Schweriner Landtag als Kronzeugin der NPD-Kritik am Gender Mainstreaming heranzog.

An der Veranstaltung in Norderstedt wird Kuby natürlich nur in Broschürenform teilnehmen, doch auch von Referent Wolf Rumler dürfte Einiges zu erwarten sein. Das ehemalige CGN-Gemeindemitglied hat es inzwischen in den Süden der Republik verschlagen, wo er die Christliche Gemeinde Marktoberdorf leitet und als Gastredner an der Acta-Jüngerschaftsschule lehrt. Vision der Einrichtung: "Gemeinden im bayerischen Voralpenland und Tirol zu gründen und dadurch erfolgreiche Pioniere zu entwickeln", Teil des Lehrplans: Die "Spioniermission - Städte gewinnen." Die Evangelikalen kämpfen eben nicht nur gegen Demokratie und Gleichberechtigung, soweit die dem Wort der Bibel widersprechen, sie führen auch eine Art Krieg um die Köpfe: "Es gibt mehr als 2,8 Milliarden Menschen, die noch nicht die gute Nachricht von Jesus Christus gehört haben", heißt es auf der Acta-Homepage. "Die meisten Unerreichten befinden sich innerhalb dem 10/40. Fenster, wo zahlreiche Muslime, Hindus, Buddhisten und Animisten sich immer noch nach einem Retter sehnen - 2000 Jahre, nachdem Jesus kam."

5 Kommentare zu diesem Artikel

21.10.2014, 17:47 Uhr entdinglichungArtikel im neuen Antifaschistischen Info-Blatt zum Thema

https://www.antifainfoblatt.de/artikel/antifeministische-allianzen u.a. wird hier auf Internet-Kampagnen ("shit storms") gegen feministische WissenschaftlerInnen hingewiesen

13.09.2014, 9:01 Uhr Infoarchiv NorderstedtGelöscht ...

An dieser Stelle haben wir einen Kommentar gelöscht, der auf Internet-Seiten mit homophoben Inhalten verlinkte. Homosexuellenfeindliche Äußerungen werden von uns ebensowenig geduldet, wie rassistische und sexistische Äußerungen.

31.07.2014, 11:26 Uhr Infoarchiv NorderstedtKampagne

Der vorstehende Kommentar ist ein gutes Beispiel für die laufende Kampagne reaktionärer und christlich-fundamentalistischer Kräfte gegen die Gleichberechtigung und davon abgesehen eher Werbe-Spam, denn er erscheint in gleichem Wortlaut auf Dutzenden Internet-Seiten zum Thema. Hier zum Beispiel im konservativen Christlichen Informationsforum (erster Kommentar).

Um es noch einmal klarzustellen: "Gender Mainstreaming" ist - streng genommen - gar kein Inhalt, sondern eine Technik. Und zwar die Technik, die Gleichberechtigung von Männern und Frauen durch die permanente Überprüfung von Gesetzen und staatlichen wie instiutionellen Aktivitäten voranzutreiben. Wer sich schon dagegen - also gegen die Gleichberechtigung - ausspricht, plädiert für Ungleichheit und für die Diskriminierung von Frauen wegen ihres Geschlechts.

Etwas anders sieht es mit der Gender-Forschung und dem Versuch aus, die geschlechtliche Identität der Menschen zu "dekonstrieren". Auch hierfür gibt es gute Gründe, aber eben auch fundierte Kritik, weil die oft sehr theoretische und "verkopfte" Debatte um das "soziale Geschlecht" (Gender) nicht zwingend vernünftige Handlungskonzepte hervorbringt.

Und was die "psychischen Störungen" der schwedischen Kinder angeht: Diese Behauptungen werden stereotyp von genau denjenigen Kräften erhoben, die sich mehr oder weniger die biblischen Geschlechterrollen zurückwünschen. Richtig ist, dass sogenannte Bindungsstörungen bei schwedischen Kindern zunehmen. Richtig ist aber auch, dass Bindungsstörungen in vielen europäischen Ländern allgemein zunehmen - und zwar unabhängig davon, wo oder wie die Kinder betreut wurden. Oftmals fällt eine solche Störung sogar erst in Betreuungseinrichtungen auf, wo geschultes Personal entsprechende Anzeichen erkennt. Schwedische Kitas inkl. Krippen schneiden bei internationalen Vergleichstests nach wie vor am besten ab.

30.07.2014, 19:01 Uhr AnonymousGender

Man muss weder Fundamentalist noch Christ sein um sich berechtigte Sorgen bezüglich eines ausufernden Genderismus zu machen.
Vorallem die Schwächsten, die Kinder, werden möglicherweise ernste Probleme durch Gender Mainstreaming bekommen und damit die Zukunft unseres Volkes (Siehe auch in den hierzulande weitgehend unbekannten Studien z. B. von Prof. Annica Dahlström, Uni Göteborg: Innerhalb der letzten 15 – 20 Jahre einen Anstieg psychischer Erkrankungen bei schwedischen Mädchen um 1000 Prozent (Depressionen um 500 Prozent; Suizidrate finnischer Mädchen ist die höchste in Europa).
Die einseitig theoretisierende Gender Mainstreaming-Ideologie begeht den fundamentalen Irrtum, die als entscheidende menschliche Gegebenheit vorliegenden neurophysiologischen Unterschiede in den Gehirnen von Frau und Mann völlig auszuklammern bzw. fälschlicherweise zu behaupten, diese festgelegten Gegebenheiten um– bzw. dekonstruieren zu können.
[Einzelheiten bezüglich unüberbrückbarer Unterschiede in den Gehirnen von Frau und Mann und über „Kinder – Die Gefährdung ihrer normalen (Gehirn-) Entwicklung durch Gender Mainstreaming“ sind in dem Buch: „Vergewaltigung der menschlichen Identität. Über die Irrtümer der Gender-Ideologie, 4. erweiterte Auflage, Verlag Logos Editions, Ansbach, 2014: ISBN 978-3-9814303-9-4 nachzulesen]

30.07.2014, 11:41 Uhr der nestscheisserkleiner Fehler

Gabriele Kuby ist nicht evangelikal sondern ist am rechten Rand der katholischen Kirche angesiedelt, siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Gabriele_Kuby ... witzig an der Sache ist, dass traditionell viele Pfingstgemeinden und andere haertere Evangelikale die katholische Kirche als "heidnisch" ansehen ... aber gegen einen gemeinsamen Feind sind sich derartige Kraefte einig