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Mittwoch, 25. August 2004, 2:00 Uhr

Wenn Betteln boomt ...

Trostpflaster für den "Lichtblick"

Von Olaf Harning | Im "Heimatspiegel" bedankte sich Schalom-Pastor Christian Stehr überschwenglich für das gesammelte Geld. Für die Einrichtung der Kirchengemeinde Vicelin-Schalom seien solche Spendenaktionen nach den Sozialkürzungen in Norderstedt "für die Aufrechterhaltung des inzwischen schon eingeschränkten Betriebs (...) lebenswichtig". Der "Lichtblick" bietet in Not geratenen, obdachlosen Jugendlichen vier Krisenbetten und einen maximal achtwöchigen Aufenthalt in seinen Räumen in der Schalom-Kirche. Während ihres Aufenthaltes erfahren die Betroffenen außerdem Hilfestellung bei der Suche nach Ausbildungsplätzen oder auch dauerhafter Unterkunft. Durch den sozialen Kahlschlag des Bürgermeisters ("Hundert-Punkte-Programm") und der hiesigen CDU-Fraktion mußte die ursprüngliche Besetzung mit dringend notwendigen 5 Sozialarbeiter-Stellen auf die Hälfte zusammengestrichen werden. Die Einrichtung glänzte während der öffentlichen Auseinandersetzung um die Mittel durch eine mehr als devote Haltung gegenüber dem beschlussfassenden "Ausschuss für junge Menschen" und leistete keinerlei erkennbaren Widerstand gegen die Kürzungen.
Umso mehr werben Pastor Stehr und Künstlerin Ane Königsbaum jetzt mit betroffenen Jugendlichen um weitere Almosen, als seien sie tatsächlich Ersatz für die gestrichenen Mittel. Insgesamt 351.000 Euro jährlich hatten der "Ausschuss für junge Menschen" und die Stadtvertretung sozialen Einrichtungen der Jugendarbeit zuvor gestrichen und dafür unter anderem das Kulturcafé Aurikelstieg geschlossen, die Tagesaufenthaltsstätte für Obdachlose am Herold-Center auf beinahe Null zusammengestrichen und die Mittel des Lichtblickes um mehr als ein Drittel auf 80.400 Euro gekürzt. Man braucht kein Hellseher zu sein, um zu erkennen, dass sich so viel Geld nicht durch ein paar "Charity-Events" beschaffen läßt, zumal es in diesem Fall von der falschen Seite kommt. Denn während Grote & Friends auf der sozialen Seite streichen, werden weiterhin Gelder für die Planung eines überflüssigen Autobahnanschlusses oder das defizitäre Unternehmen "wilhelm.tel" aus dem Fenster geworfen.
So gut und humanitär also Aktionen, wie die der Norderstedter Künstlerin und des Lichtblick gemeint sind, so sehr nähren sie den Irrglauben, dass "ein paar überteuert verkaufte Stück Betonpflaster" in der Lage sein könnten, hunderttausende gestrichener Euros zu ersetzen. Tatsächlich hätte es dem Lichtblick gut zu Gesicht gestanden, wenn er sich Anfang des Jahres den Protesten des "Bündnis für eine Soziale Stadt" angeschlossen hätte. Lieber aber ging man den Weg, wenigstens die verbliebenen 80.400 Euro durch "offensives Wohlverhalten" auch gegenüber dem in seiner Arbeit umstrittenen "Ausschuss für junge Menschen" nicht zu gefährden. Auf Dauer wird sich das weit über die Stadtgrenzen hinaus beachtete Projekt "Krisenbetten" allerdings alleine mit Wohlverhalten nicht gegen die Kürzungsinteressen der neoliberalen Stadtplaner erwehren können, dazu gehört schon etwas Rückrat.

Veröffentlicht in Soziales mit den Schlagworten CDU, Norderstedt